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Hinterlassene Spuren

Trittsiegel-Sammlung an die Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar übergeben


Der kürzlich in den Ruhestand verabschiedete Leiter der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke hat seiner Wirkungsstätte ein besonderes Geschenk gemacht: Er überlässt dem Standort eine Sammlung mittelalterlicher Trittsiegel, vornehmlich von Säugetieren. Das Material umfasst 69 Ziegelsteine in hochmittelalterlichen Formaten mit etwa 150 Fuß- und sonstigen Abdrücken und ist damit wohl die umfangreichste Sammlung von Trittsiegeln auf gebrannten Ziegelsteinen im europäischen Raum. Die Schenkung soll dazu dienen, Daten zur Verbreitung bzw. Verdrängung verschiedener Wildtierarten sowie zur Formenvielfalt der zugehörigen Haustierarten zu erlangen.

Über 85.000 Funde, Präparate und Serien lagern – dreifach staubgeschützt und akribisch in digitalen Datenbanken erfasst – in hunderten passgenau angefertigten Sammlungsschränken der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar. Nun wurden diese „Archive der Natur“ um einen weiteren Schatz ergänzt: Die vermutlich umfangreichste Sammlung von Trittsiegeln auf gebrannten Ziegelsteinen im europäischen Raum. „Als Schenkung werden die 69 Ziegelsteine mit etwa 150 Fuß- und sonstigen Abdrücken, vorwiegend von Säugetieren, in die Sammlungen unseres ‚Weimarer Eiszeitinstituts‘ aufgenommen“, erläutert Kahlke und fährt fort: „Alle Stücke wurden während meiner Studienzeit um 1980 aus Bau- und sonstigem Schutt mittelalterlicher Gebäuderuinen geborgen.“ 

Das Gesamtmaterial ist gereinigt, katalogisiert, beschriftet, fotografisch dokumentiert und füllt nun zweieinhalb Sammlungsschränke. Gemeinsam mit einigen Trittspuren aus spätpleistozänen Vulkanaschen der Eifel sowie provinzialrömischen Funden bildet die Sammlung einen Grundstock für ein gesondertes, neues Trittsiegel-Archiv. Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktor des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt, freut sich: „Biodiversitätswandel im Anthropozän, der Zeitspanne spürbarer menschlicher Einflussnahme auf die Lebensräume der globalen Tier- und Pflanzenwelt, ist eine der großen Zukunftsherausforderungen. Zur Einordnung des heutigen Artenverlustes sind Analysen der Verbreitungs- und Entwicklungsgeschichte pleistozäner und holozäner Floren- und Faunengemeinschaften unverzichtbar. Die neue Sammlung bietet uns die Gelegenheit, Daten zur Verbreitung bzw. Verdrängung verschiedener Wildtierarten wie Wolf oder Wildkatze sowie zur Vielfalt der zugehörigen Haustierformen wie Hunde oder Hauskatzen auf ungewöhnliche Art und Weise zu erlangen. Wir danken Ralf-Dietrich Kahlke für diese neue Möglichkeit – und noch viel mehr für seine mehr als vier Jahrzehnte währende Tätigkeit in Weimar!“

Ralf-Dietrich Kahlke wurde in Weimar geboren und wuchs dort im familiären Umfeld quartärpaläontologischer Forschungen, Grabungen und Expeditionen auf. Sein Vater gründete 1962 das Institut, in dem Kahlke dann über 40 Jahre tätig war – seit 1990 als Leiter. Dem Engagement des Weimarer Eiszeitforschers ist es zu verdanken, dass eine während der 1990er Jahre politisch zunächst angestrebte Abwicklung des Instituts verhindert werden konnte. Mit dem Jahr 2000 wurde die Weimarer Quartärpaläontologie als erstes Institut der neuen Länder Teil der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Seine erfolgreiche Eingliederung diente als Beispiel für spätere Erweiterungen Senckenbergs auf nunmehr bundesweit elf Standorte.

Im Rahmen international eingebundener Forschungsprojekte nahm Kahlke an mehreren großen Expeditionen teil und arbeitete als Gastforscher an mehr als 80 Instituten Europas, Asiens und Nordamerikas. Seine Publikationsliste umfasst über 300 Zitate, darunter mehr als 150 wissenschaftliche Originalarbeiten – einen Schwerpunkt legte er dabei auf die Evolution, Biogeographie und Paläoökologie nordhemisphärischer Großsäugetiere und entsprechender Faunen des Eiszeitalters. Der etwa eine Million Jahre alten thüringischen Wirbeltierfundstelle Untermaßfeld widmete sich der Quartärpaläontologe während 127 Ausgrabungsmonaten in 37 Grabungsperioden. Es wurden dort bis zum Abschluss der Geländearbeiten 2019 unter seiner Leitung über 18.000 Fossilien – vom Nashornschädel bis zum winzigen Froschskelett – geborgen.

Sein neuestes – und in dieser Funktion letztes Projekt – ist der begonnene Ausbau der Sammlungskapazitäten – 100 weitere Sammlungsschränke wird die in Weimar ansässige Forschungsstation des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums Frankfurt dann in Zukunft beherbergen. „Ich würde mir wünschen, dass sich diese schnell mit forschungsrelevanten, eiszeitlichen Fossilien aus ganz Europa füllen – vielleicht sind ja sogar weitere Trittsiegel dabei, die uns Aufschluss zu unserer Vergangenheit geben“, schließt Kahlke.

Trittsiegel in Ziegelstein aus der Familie der Hunde (Canidae). Foto: Senckenberg Weimar

Abdruck von Katzenpfoten (Felis) auf mittelalterlichem Ziegelstein. Foto: Senckenberg Weimar